Slavische Philologie - Slavistik
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Sonderband 43 / Wien-München 1997

DIMITRIJ ALEKCANDROVIČ PRIGOV

SOBRANIE STICHOV TOM VTOROJ - No. 154-401 - 1975-1976

Literarische Reihe - hHerausgegeben von Aage A. Hansen-Löve, Herausgeberin dieses Bandes: Brigitte Obermayr

Dichtung als Möglichkeit, sozusagen

NACHWORT zum zweiten Band

Lyrik ist "Lyrik" ist "Prosa"
"Moj lučšij stich ja napisal segodnja" (339/1976)

Die Wiedersprüchlichkeit der Gattungsbezeichnung konzeptualistische Lyrik ist für sie konstituierend. Prigovs Metapoetik aktualisiert zwar auch die diskursiven Existenzbedingungen der Lyrik, vor allem aber geht sie durch die - konzeptualistische - Simulation der Grenzen des Lyrischen über das Genre, nicht nur des "Lyrischen", auch des "Literarischen" hinaus. Die Simulation des Lyrischen birgt zwischen den Polen der bedingungslosen Bejahung (wie sie jede Wiederholung voraussetzt) und der darauf basierenden Immanenz der Verneinung ("das ist nicht Dichtung", nicht Poesie) ein Potential "prosaischer" Differenz. Grenzen und Oppositionen werden dabei nicht gedacht, um ihre Gegensätzlichkeiten und Ausschließungen hervorzuheben, sondern um über die (hierarchisierenden) Funktionsweisen von Gegenüberstellungen zu spekulieren.

Die sozrealistische Forderung nach Realismus in der Kunst arbeitet dem bourgeoisen/ antigesellschaftlichen/ apolitischen Individualismus der Kunst - in der Lyrik spezifisch ausgeprägt - entgegen. Auch die Lyrik erhält den Auftrag, im Dienst der großen Autorschaft das kollektive Wollen, Denken und Fühlen zu vermitteln. Die Wahrheit (der Macht) ist (in ihr) präsent, subjektivierte Perspektivik entprivatisiert und in das höchste und einzig gültige zentralperspektivische Prinzip eingegliedert. Das epische Prinzip der großen Erzählung dominiert das Kommunikationssystem (VI. Papernyj, 1985: 171-241). Reflexion scheint aus dem Blickpunkt dieser Ökonomie obsolet, die Idee von Autorschaften häretisch. Die "volkstümliche narrative Pragmatik, die von Anbeginn an legitimierend ist, ist mit der Frage nach der Legitimität, der Legitimität des fragenden Spiels (des Sprachspiels) inkommensurabel" (J.F.Lyotard, 1993:75). Durch diese natürlich gegebene Legitimität der "großen Erzählung(en)" (J.F. Lyotard, 1993) entstand ein theoretisches Defizit, ein "verbales Vakuum" (B. Groys, 1991a:12). Dort wo alles gewesen ist, war also eigentlich nichts. Für Prigov wird das in dieser Konstellation pradoxe Lyrikgenre zum Schaffensraum. Weil sie auf den Mythen und Prinzipien der Intuition, des Individualismus, der Poesis, des Selbstausdrucks (samovyraženie, iskrennost'), an strenge, systematisierte formale Vorgaben gebunden funktionierte, kann sie als Tarnanzug für eine sich mit den Mythen des Subjektiven, des Schaffens und der Automatisierungen einlassende pseudolyrische, pseudoliterarische Geschwätzigkeit dienen. Das Lyrische, als Fluchtpunkt für eine vom Standpunkt der narrativen Ökonomie der natürlichen Identität überflüssige Wiederholungsgeste dient als Schauplatz für Inszenierungen der Selbstlegitimation. Die Selbstlegitimation durch Selbststilisierung (S. Küpper, 1995: 437) unterwandert die Opposition zwischen Theorie und Praxis und entzieht sich einer Autorisierung als reine Theorie - bleibt immer nur eine thoeretische Hypothese - eine Mögichkeit. Mit diesem Belanglosigkeitsanspruch nähert sie sich den Rahmenbedingungen des Künstlerischen an, bejaht diese aber nicht, sondern reproduziert sie im Legitimationsdiskurs - eine diffundierende Gestikulation. B. Groys (1991b: 35) spricht vom Sinnverlust, durch den das konzeptualistische Kunstwerk seinen ästhetischen Wert erhalte.

In diesem Sinne macht Prigov - getrieben von einer sich selbst suspekten, auto(r)subvertierenden Auto(r)-Supervision - untertrieben schlechte Gedichte. Die Voraussetzungen für dieses lyrisch gestikulierende Understatement sind wohl mit dem zu vergleichen, was Deleuze "prosaisch" (hier im Sinne von: entidealisierend) als "Misosophie" anstelle von Philosophie verstanden wissen will. Während Deleuze damit den Impuls des - seines - Denkens charakterisiert, soll hier auch Prigovs Verhältnis zur "Lyrik" als Genre, sein metaliterarischer Zugang und Umgang mit der Literatur, verdeutlicht werden (G. Deleuze, 1968: 181-182). ...(Aus dem Nachwort von Brigitte Obermayr)

erstellt am 19.2.2002 von Anja Schloßberger
aktualisiert am 21.2.2003 von Anja Schloßberger