Slavische Philologie - Slavistik
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Sonderband 42 / Wien-München 1996

DIMITRIJ ALEKCANDROVIČ PRIGOV

SOBRANIE STICHOV - TOM PERVYJ - No. 1-153
1963-1974

Literarische Reihe - herausgegeben von Aage A. Hansen-Löve, Herausgeberin dieses Bandes: Brigitte Obermayr

EINBLICKE, AUSBLICKE

"Innerhalb ihrer Axiomatik sind für mich alle gleich,
mir persönlich ist Charms zu verständlich,
ich mag Blok und Achmatova viel lieber."

Dieser Band präsentiert also den Beginn der literarischen Tätigkeit des Bildhauers D.A. Prigov - die Periode von 1963 bis einschließlich 1974 - von lyrischen Erstversuchen bis zu den ersten Gedicht-Zyklen. Durchblättert man diesen erten Band im Daumenkinoverfahren, wird dem flüchtigen Blick kaum die Beobachtung einer "äußerlichen Entwicklung" entgehen: Länge und Strophenform entwickeln sich von überschaubaren, gegliederten Einheiten in einen formlosen Fluß von seitenfüllendem Text; vom "Im Lrischen Genre Schreiben" zum "Mit dem Lyrischen Genre Sprechen", beziehungsweise zum immer respiktloser werdenden Spiel mit den traditionellen formalen, inhaltlichen und sprachlichen Grenzen dieses Genres, was sich im aufkommenden ZYKLUS-GENRE spezifisch manifestiert.

Der Zyklus ermöglicht die vielfältige, mehrspurige Variation eines im Zyklustitel genannten Themas. Die ersten Zyklen spielen auf die Form des "Liedes" an: "Istoričeskie i geroičeskie pesni", "Kul'turnye pesni" und "Elegičeskie pesni" (alle 1974). Die Nennung des volkstümlichen, traditionellen, ursprünglich mündlich verbreiteten und überlieferten Genres könnte hier als signifikanter Textmarker, der seine Parallele sowohl in der Thematik der Einzeltexte der Zyklen als auch in der lyrischen Form findet, verstanden werden: In den "Istoričeskie i geroičeskie pesni" dominieren "liedübliche" Reim- und Strophenformen, während die "Elegičeskie pesni" zu elegischen Längen mit refrainartigen Einschüben ausufern. Die heldenhaften Gestalten der Welt- und Sowjetgeschichte im ersten, textualisierte "Gemeinplätze" der sowjetischen Alltagskultur im zweiten, sowie fragmentarisierend, dialogisch-verfremdende Abhandlungen künstlerischer Existenzformen im dritten Liedzyklus stellen sich als das Prigovsche Heldeninventar vor: Kulturell-literarische Paradigmen, die zu sprachlich-konzeptuellen Aktanten werden. Wobei im künstlerischen Metareich Prigovs ein rigoroser Gleichberechtigungsgrundsatz gilt: Als würden kulturell erlernte Wertkategorien und ihre in Denk- und Handlungsverboten sich manifestiernden Wirkungen verlieren: Stalin, Sodrates, Gagarin, Kleopatra, DER Onkel, DAS Majakovskij-Gedicht, die Kremlsterne, eine Ode an Moskau - aufgefädelt zum immer vorlauter werdenden, geschickt eingefädelten Projekt einer auf Lebenszeit angelegten literarischen Dekonstruktion, in der der Autor keineswegs Sänger, sondern, im Sinne der zeitgenössischen "Popkultur" Sampler oder DJ ist, der in weiterer Folge seine Auftritte immer mehr mit nachdrücklichem, egozentrischem "Rap" (Ja - ja - ja...) unterlegen wird. Mit der eben dargestellten Entwicklungslinie korreliert die Entwicklung des Ich-Motivs in der ersten Schaffensdekade: Vom lyrisch-akmeistischen, unpersönlichen Ich zum perspektiveverändernden, manchmal (zu) laut denkenden, plaudernden, sich im Dialog mit schwachen Gegenübern etablierenden Ich-Effekt der Dichter-Personnage: Während diese 1963 noch alles "otkuda-to sverchu" (vgl. 13/1963) sieht, wird sie 1976 nicht nur ihren demiurgischen Blick, sondern vor allem die Hand im Spiel haben, wenn in "Kulikovo Pole" die Soldatenreihen und Schlachtverläufe neu arrangiert werden, also auch historische "Fakten" als beliebig anzuordnende Versatzstücke verwendet werden. Bemerkenswert ist auch der erstmalige Einsatz des Zufallstreffergenerators "skažem" 1969 (40/1969): "Gde bukašketarakaške, / Skažem, prosto, skažem - kryška,/ (...)" - die "rein zufällig", beiläufig, scheinbar als Platzfüller erwähnte Schabe, tanzt sich zu einem mit Allmachtsgefühlen, überschwemmten Monster empor. Dieses "skažem", lästig nachhaltiger Umgangsspracheparasit, findet sich später in den "Vorbekundungen" und Manifesten - also an Stellen, wo man am ehesten Exaktheit des Ausdrucks und Konkretheit des Gedankens wohl am ehesten vermuten würde. In diesem Zusammenhang muß natürlich darauf hingewiesen werden, daß in den hier vorgestellten Texten, insbesondere in den Zyklen, die "Preduvedomlenie" noch nicht zum Einsatz kommt. Die "Vorbekundung" entsteht Anfang der 80er Jahre, ihr allmähliches Aufkommen wird in den nächsten Bänden zu verfolgen sein.
Somit wäre ein Bogen gespannt, den PrigovkennerInnen aufbrechen werden, und an dem entlang Prigovneulinge sich vielleicht für den Einstieg bewegen können. Für weitere Entdeckungen sei an dieser Stelle auf die Lektüre der abgedruckten Texte verwiesen und die explizite Einladung dazu ausgesprochen. (Aus dem Nachwort zum ersten Band von Brigitte Obermayr.)

erstellt am 13.3.2002 von Anja Schloßberger
aktualisiert am 21.2.2003 von Anja Schloßberger