Slavische Philologie - Slavistik
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Interview mit dem DAAD-Lektor in Mykolajiv

Interview mit Jakob vom DAAD in Mykolajiv, 27.05.16

Jakob ist seit 2013 Lektor des DAAD in Mykolajiv

Was hat dich an der Lekor-Aufgabe gereizt?

Ich habe Slavistik studiert und wollte immer schon im Osten arbeiten und dort länger leben. Das war die Hauptmotivation. Natürlich wollte ich mein Russisch noch ein bisschen verbessern. Ich habe Russisch angefangen zu lernen, da war ich glaub ich 22 Jahre alt. Als ich hier her gekommen bin habe ich mich für die Ukraine, für die ganzen Probleme, die es in der Ukraine gibt nicht sonderlich interessiert. Ich bin damals hergekommen, weil ich in den Osten wollte, aber nicht nach Russland. Ich dachte mir, dort ist es kalt und da ist irgendwie so‘n komischer Putin. Als ich die Ausschreibung des DAAD gesehen habe, dachte ich: ja gut Ukraine, Weißrussland. Auf der Liste der Städte, für die man sich bewerben kann, war Kiev, Charkiv. Kiev war mir zu langweilig, Zentren sind immer langweilig.

Also lieber in eine kleinere Stadt, das wusstest du schon?

Ja genau, irgendein Provinznest. Ich muss sagen, ich hatte von Mykolajiv noch nie irgendwas gehört. Ich wusste nicht, dass es diese Stadt gibt.

Hast du dieses Provinznest hier angetroffen? (in dem Moment beginnt der Goldzahn-Akkordeon-Spieler unseren Tisch mit dem ukrainischen Klassiker ‚Ty zh mėne pidmanula‘ zu entertainen)

Ja, es ist im Osten eh so: es gibt verhältnismäßig wenige Zentren. Das ist in Russland ähnlich – es gibt Moskau und Petersburg und ansonsten ist alles Provinz. So ist es auch hier. Hier gibt es ein Zentrum, das ist Kiev und der Rest ist Provinz. Insofern ist das hier natürlich Provinz. Provinz weil es nicht so erschlossen ist. Es gibt hier wenige westliche Ausländer, es gibt natürlich Ausländer aus Zentralasien. Auch wenn man sich die Uni anguckt, das Niveau ist teilweise provinziell, weil es nicht besonders hoch ist. Es gibt natürlich den „Chef“ Pronkevitsch, der nicht provinziell ist. Abgesehen von ihm gibt es noch zwei drei andere, die auch nach westlichen Standards Wissenschaftler sind.

Ich habe gehört, du hast gedacht, Mykolaij liegt direkt am Meer und südlich und wurdest etwas enttäuscht in der Hinsicht?

Nein, ich wurde nicht enttäuscht. Ich habe damals die Ausschreibung gesehen und da hieß die Universität Schwarzmeer-Universität. Ich dachte mir, aha interessant. Schwarzmeer-Universität, also kann Mykolaijv nicht so schlecht sein. Ich bin hergekommen ohne mich weiter über diese Stadt zu informieren. Ich habe alles, was ich jetzt weiß erst hier erfahren.

Ist ja auch viel authentischer, was man dann vor Ort erfährt, als wenn man schon mit einem festen Bild ankommt!

Ja natürlich, alles was ich mir angelesen hatte bevor ich herkam, war der deutsche Wikipedia-Eintrag, der verhältnismäßig kurz ist. Was ich hier wirklich interessant finde – Mykolajiv, das ist eine Stadt, die ganz eng verbunden ist mit dem Russischen Imperium. Ohne das Imperium, ohne die Imperiale Idee, gäbe es diese Stadt nicht. Die Stadt wurde gegründet, um Schiffe zu bauen fürs Schwarze Meer. Inzwischen ist das eine Stadt, die ihr Imperium verloren hat. Die Stadt steht momentan vor der Frage: wie definieren wir uns eigentlich?

Und hast du schon Tendenzen erfahren hinsichtlich einer Identität?

Ich glaube die Stadt ist immer noch auf der Suche. Es hat sich glaube ich sehr viel geändert, nach diesem Maidan. Ich bin ja gekommen sechs Monate bevor die ganze Scheiße angefangen hat. Damals haben viele gesagt, dass wir ukrainisch sind, ist eine Laune der Geschichte. Und eigentlich stehen wir den Leuten in Russland viel näher als denen in Lviv – kulturell, sprachlich, historisch. Man verhielt sich der Ukraine gegenüber gleichgültig. Das hat sich ganz stark geändert. Leute, die früher gleichgültig der Ukraine gegenüber waren, sagen heute sie sind Ukrainer. Auch wenn sie den Maidan nicht unterstützt haben. Die Unterstützung hier ist vernachlässigbar. Das waren ein paar hundert Leute.

Wie stehst du zur Tendenz jetzt alles Sowjetische abzubauen?

Ich beobachte das. Ich finde, dass man Denkmäler abbaut ist gut, dass der Lenin abgetragen wurde ist super.

Super?

Naja nicht super, aber es war an der Zeit. Die Zeit ist einfach vorbei.

Aber es gibt noch nichts Neues, oder? Es zeigt sich eine Leerstelle.

Ja richtig. Die Hauptstraße, die alle noch Prospekt Lenina nennen, heißt seit zwei Monaten gar nicht mehr so. Die heißt jetzt Zentral’naja, allein der Name sagt schon: das ist leer. Sie suchen immer noch danach, an was sie anknüpfen. Man könnte an die zaristische Zeit anknüpfen, da gibt es genug Anknüpfungspunkte, auch Denkmäler in der Stadt. Sie könnten auch an eine moderne Ukraine anknüpfen. Was das heißt, muss allerdings noch ausgehandelt werden muss. [...]

Hast du als DAAD-Lektor auch die Aufgabe ein Deutschlandbild zu vermitteln oder vorrangig die Sprache?

Mit der Sprache wird ja auch immer ein Bild vermittelt. Man kann sich da nicht raushalten, die Leute fragen auch. Es gibt einfach sehr viele Missverständnisse. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Flüchtlingskrise. Ich mache Stipendienberatung. Letztes Jahr kamen Eltern zu mir mit den Worten: „Kann mein kleiner Schatz sich überhaupt bewerben? Es ist doch in Deutschland grade so gefährlich. Da kann man doch gar nicht mehr auf die Straße als Frau.“ Dann sag ich den Leuten, in Deutschland schreibt man, man kann nicht mehr in die Ukraine kommen, weils so gefährlich ist, da ist ja Krieg. Insofern sollte man nicht alles ernst nehmen, was die Presse schreibt. Nein, ich zeichne Deutschland nicht als das absolute Paradies für alle hier. Ich schaffe ein realistischeres Bild, es ist nicht alles perfekt in Deutschland. […]

Hast du manchmal das Gefühl, dich über die Zeit hier von Deutschland zu entfremden?

Ich habe schon einen direkten Draht nach Deutschland, ich habe dort Familie. In den Ferien, bin ich immer in Deutschland. Entfremdung nicht. Aber als ich letztes Weinachten in Deutschland war, stelle ich fest, Deutschland verändert sich extrem. In dem Dorf, in dem meine Eltern wohnen, waren plötzlich Schwarzafrikaner, Syrer, Araber. Das war wirklich ein Aha-Erlebnis. Über das Leben im Ausland und das Zurückkehren, kann man wirklich greifen, wie sich das Zuhause ändert. Ich freue mich deswegen auch, nach meinem Lektorat nach Deutschland zurückzukommen und dort aktiv zu werden, selbst was zu machen mit den Flüchtlingen. Vor ein oder zwei Jahren dachte ich, die Ukraine wäre das spannendste Land in Europa, weil sich hier so viel geändert hat. Inzwischen denke ich, hier ist ein bisschen Stillstand eingezogen, vielleicht ist jetzt Deutschland das spannendste Land.

Das heißt du bist immer dem Spannenden hinterher?

Das hat sich so entwickelt. Dos wollte ich nicht. Ich kam her, ich dachte hier ist der Süden, Odessa und die Krim in der Nähe. Ich kann hier fünf Jahre ganz bequem leben. Dass sich das dann so entwickelt hat, war für mich nicht vorhersehbar. Das hat sich so entwickelt, ich bin in die spannende Situation hier so hineingeraten, und jetzt freue ich mich wirklich darauf in so eine spannende Situation in Deutschland zu gehen - in zwei Jahren.

Was sind deine Aufgaben als DAAD-Lektor?

Beim DAAD ist es häufig so: die Ausschreibung fällt nicht mit dem zusammen, was man dann tatsächlich macht. In der Ausschreibung steht man unterrichtet Deutsch, man macht Stipendienberatung und dann übernimmt man für 2-3 Stunden die Woche „kulturpolitische Aufgaben“: Diese Art Aufgaben nehmen natürlich viel mehr Zeit in Anspruch. Das Unterrichten macht mir Spaß. Was sich hier erst herausgestellt hat, was mir viel mehr Spaß bereitet ist die Projektarbeit. Das Organisieren von Veranstaltungen. Auch diese Veranstaltung heute, da bin ich zwar nicht als Organisator beteiligt, aber vielleicht kann ich etwas dafür tun, dass die LMU enger zusammenarbeitet mit der Schwarzmeer-Uni und häufiger Studenten der LMU hier nach Mykolajiv kommen.

Du baust also ein Netzwerk der interkulturellen Kommunikation auf?

Ja.

Siehst du dich als Vermittler zwischen den Kulturen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich stelle mir häufig die Frage wie gefestigt ich in meiner eigenen Kultur eigentlich bin. Gerade wenn man hier ist: was ist eigentlich deutsche Kultur? Das habe ich für mich nicht ganz klar definiert – je nach Anlass erzähle ich den Menschen hier etwas Anderes. Das heißt, man fängt an über die Kultur nach zu denken, die man hier eigentlich repräsentiert. In den drei Jahren, die ich hier in Mykolajiv bin, bin ich zu dem Schluss gekommen, für mich ist deutsche Kultur die deutsche Sprache. Damit identifiziere ich mich am ehesten. Das ist für mich Deutschland, auch wenn Sprache als Identität natürlich sehr luftig ist. Aber das Deutsche an mir ist, dass ich die Sprache spreche, nicht, dass ich Weißwurst esse. Die deutsche Sprache ist das, was ich hier am ehesten vermisse.

Wenn du sagst, für dich ist Sprache Kultur, oder macht deine Identität aus. Hier ist das ja eine ganz andere Problematik; es besteht eine Gleichzeitigkeit von zwei Sprachen – Ukrainisch und Russisch. Man identifiziert sich hier über etwas Anderes, habe ich den Eindruck.

Ja richtig. Ich glaube es wird von politischer Seite versucht, ein ukrainisches Narrativ zu entwickeln. Das ist halt schwierig, weil das Land historisch betrachtet zweigeteilt war. Der eine Teil gehörte zu Österreich-Ungarn, der andere Teil war jahrhundertelang Russland.

Interview führte: Camilla Lopez